Transsexualität

Was Sie über
Transsexualität
wissen sollten...

Zum Thema Transsexualität ist im Internet viel zu lesen...
Vieles davon ist nicht fundiert, unzutreffend oder schlicht falsch.
Hier finden Sie Antworten auf viele Fragen zum Thema Transsexualität.

Einige Infos vorab...

Warum gibt es diese Webseite?

Das Thema Transsexualität wird medial meist nicht so dargestellt, wie es der Lebensrealität der meisten betroffenen Menschen entspricht. Diese Seite möchte über das Thema Transsexualität aufklären - ganz ohne Voyeurismus und ohne ideologische Hintergründe. Sie richtet sich in erster Linie an Menschen, die nicht selbst von Transsexualität betroffen sind.

Feedback und Anregungen?

Diese Internetseite erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie spiegelt das Wissen und die Erfahrung der Autorin wider. Feedback, Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind jederzeit erwünscht. Die Seite soll sich entwickeln und einen möglichst breiten Zugang zum Thema Transsexualität bieten.

Wissenschaftlicher Hintergrund?

Die Autorin hat versucht, die Informationen auf dieser Webseite mit entsprechenden wissenschaftlichen Quellen und entsprechender Zitation zu hinterlegen. Die Texte sollen jedoch für jede Leserin und jeden Leser verständlich sein. Es wurde deshalb eine "populärwissenschaftliche Sprache" verwendet.

Verfolgte Interessen?

Diese Webseite ist eine private Initiative der Autorin und verfolgt keinerlei wirtschaftliche oder monetäre Interessen. Das Ziel ist, eine Aufklärung zum Thema Transsexualität und Steigerung der Akzeptanz von Betroffenen im Alltag und Beruf. Weitere Informationen finden Sie im Impressum.

Woher wissen Sie,...

...dass Sie ein Mann sind? Oder dass Sie eine Frau sind?

Die Frage ist zugleich die Antwort: Sie wissen es einfach!

Ihr gesamtes Denken, Ihre Art, die Welt wahrzunehmen, die Weise, wie Sie mit Ihrer Umwelt agieren, Ihre Wünsche, Ihre Gefühle, Ihre Ängste und Träume - kurz:
Ihr gesamtes Leben wird von Grund auf von Ihrem Wissen über Ihr eigenes Geschlecht geprägt. Es ist Ihnen so vertraut, dass Sie nicht mehr darüber nachdenken. Es ist so natürlich für Sie, so normal, dass Sie wahrscheinlich nicht daran zweifeln oder es in Frage stellen.
Das Geschlecht ist ein fundamentaler Bestandteil unseres Mensch-Seins.

Ich bin mir sicher, Sie würden auf diese Fragen mit 'Nein' antworten.

Warum ist uns unser Geschlecht so dermaßen bewusst und warum spielt es eine so entscheidende Rolle?
Ganz einfach: Unser Geschlecht sitzt nicht zwischen unseren Beinen. Unser Geschlecht sitzt zwischen unseren Ohren.
In den allermeisten Fällen stimmen Geschlecht und Genitalien überein. Manchmal jedoch nicht. Salopp formuliert könnte man sagen:
Es kommt vor, dass Frauen geboren werden, die einen Penis haben.  Oder es werden Männer geboren, die eine Vagina besitzen.
Diese Menschen sind transsexuell.

Nehmen Sie sich einen kurzen Moment Zeit...

An die Männer

... und fühlen Sie bitte in sich hinein. Werden Sie sich Ihrer Männlichkeit bewusst. Ihr männliches Denken, Ihre männliche Selbstwahrnehmung.
Und dann stellen Sie sich vor, Ihre Umwelt nennt Sie „Claudia“ und erwartet von Ihnen, dass Sie ein Kleid tragen.

An die Frauen

...und werden Sie sich Ihrer Weiblichkeit bewusst.
Fühlen Sie tief in sich hinein und dann stellen Sie sich vor, Ihre Eltern nennen Sie „Günther“.
Und wenn Sie in den Spiegel schauen, sehen Sie Bart und Brusthaare und einen Körper, der alles Mögliche ist, aber garantiert nicht der Körper einer Frau. 

Transsexulaität - Was ist das?

Unter Transsexualität wird verstanden, wenn das, bei der Geburt zugewiesene Geschlecht einer Person, nicht mit dem eigenen Wissen über das eigene Geschlecht übereinstimmt. Es wird in diesem Zusammenhang auch oft von einem Abweichen der Geschlechtsidentität eines Menschen von seinen biologischen (anatomischen) Geschlechtsmerkmalen gesprochen. Diese Definition ist für transsexuelle Menschen nicht wirklich zutreffend, da sie suggeriert, dass eine (vom Phänomen Transsexualität) betroffene Person sich nur einem "anderen Geschlecht zugehörig fühlt", "früher mal ein Mann (bzw. Frau) war" bzw. den nur den Wunsch verspüren würde, sein "Geschlecht wechseln zu wollen". Neurowissenschaftliche Untersuchungen (siehe: Quellen) zeigen jedoch, dass das Wissen eines Menschen über sein eigenes Geschlecht neurobiologisch im Gehirn (BSTc, Hypothalamus) verankert ist (siehe nachfolgende Abbildung). Es handelt sich also um eine Inkongruenz oder Diskrepanz zwischen dem geschlechtlichen Selbstverständnis und/oder Körperbild eines Menschen und dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht (Schreiber, 2016). Transsexuelle Menschen benötigen (wie übrigens jeder Mensch) einen maximal funktionsangepassten Körper, der zum eigenen Geschlichtswissen stimmig ist.

Das Video zeigt einen Ausschnitt aus dem National Geographic-Beitrag
"Gender Revolution" (2016)
Mit freundlicher Genehmigung durch NATIONAL GEOGRAPHIC
www.nationalgeographic.de

Vergleich  BSTc (Hypothalamus) von A: heterosexueller Mann, B: heterosexuelle Frau, C: homosexueller Mann, D: transsexuelle Frau (MzF) - Bao & Swaab, 2011

Transsexualität und Transgender

Die Begriffe Transsexualität und Transgender werden oft synonym verwendet, was aber nicht korrekt ist. Transsexualität versteht sich als eine Unstimmigkeit des Geschlechtskörpers mit dem Wissen über das eigene Geschlecht. Es geht bei Transsexualität also vornehmlich um den Körper (sexus). Menschen mit Transsexualität stellen die Zweigeschlechtlichkeit (Binarität) von Mann und Frau meist nicht grundsätzlich in Frage.
Im Gegensatz zu transsexuellen Menschen beziehen sich Transgender meist nicht nur auf die körperliche Diskrepanz (oder Inkongruenz), sondern sie lehnen oft "nur" die ihnen zugewiesene gesellschaftliche Geschlechterrolle als Mann oder Frau ab. Dennoch können auch transgender Menschen div. Maßnahmen ergreifen wollen (z.B. Hormone einnehmen), um eine Anpassung ihrer Erscheinung ("Passing") an ihre eigenen Vorstellungen ihrer stimmigen Geschlechterrolle zu erreichen.

Die fehlende Akzeptanz transsexueller Menschen in der Gesellschaft ist mitunter auch durch die mediale Berichterstattung - welche Transsexualität, Transgender, Transidentität und Homosexualität "in einen Topf wirft" - begründet. Transsexuelle Menschen werden damit auch unfreiwillig in die gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Diskussionen bezüglich der Geschlechterrollen ("gender mainstreaming") gestellt. Ihnen wird unterstellt, sie möchten das gesellschaftliche Geschlechtergefüge in Frag estellen. Das ist aber bei der Mehrheit der transsexuellen Menschen nicht der Fall. Sie wollen lediglich als das anerkannt werden, was sie sind: Mann bzw. Frau.

Transsexuelle Frauen sind Frauen und
transsexuelle Männer sind Männer!

Wie entsteht das Phänomen Transsexualität?

Die Entstehung des Phänomens ist wissenschaftlich noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch verdichten sich die Hinweise darauf, dass Transsexualität während der fetalen Entwicklung durch Schwankungen der Sexualhormone im Mutterleib entsteht (Swaab & Bao). Zu Beginn der Schwangerschaft sind alle Föten zunächst "weiblich". Etwa in der 6. Woche der Schwangerschaft werden die Geschlechtschromosomen (XX und XY) des Fötus durch die Sexualhormone (im Blut der Mutter) an getriggert, entsprechende innere und äußere Geschlechtsmerkmale zu entwickeln. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird die Entwicklung des Gehirns "angestoßen". Verändert sich nun zwischen diesen beiden fötalen Entwicklungszeitpunkten die Konzentration der Sexualhormone im Blut der Mutter, kann es dazu führen, dass sich der Geschlechtskörper abweichend vom "Gehirngeschlecht" entwickelt. Um es einfach zu sagen: Es kann passieren, dass ein Mensch mit männlichen Körpermerkmalen aber weiblichem "Gehirngeschlecht" (Geschlechtswissen) oder ein Mensch mit weiblichen Körpermerkmalen, aber männlichem Geschlechtswissen entsteht. Es handelt sich also bei Transsexualität um eine "Spielart" der Natur, oder wie es der Psychologe Prof. Udo Rauchfleisch (siehe: Quellen) ausdrückte, um "eine Normvariante der Natur".

Ist Transsexualität eine Krankheit?

Nein! Transsexuelle Menschen sind weder körperlich noch psychisch krank. Wie bereits oben beschrieben, handelt es sich bei dem Phänomen Transsexualität um ein "Normvariante der Natur" (Rauchfleisch, 2014), welches nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft während der fötalen Entwicklung durch Veränderungen des Hormonspiegels im Mutterleib entsteht. Lange Zeit wurde Transsexualität als eine "Störung der Geschlechtsidentität" gesehen. Mit teilweise kriminellen Methoden (z.B. Elektroschocktherapie) wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht, betroffene Menschen "zu heilen". Lange Zeit wurde angenommen, dass Transsexualität änderbar (z.B. durch Psychotherapie) wäre. Die Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte belegen eindeutig das Gegenteil. Transsexualität ist nicht änderbar - zumindest solange nicht, bis wir medizinisch in der Lage sind, Gehirne von Menschen auszutauschen.
Vor allem die Neurowissenschaften haben in den letzten zwei Jahrzehnten genügend Wissen angehäuft, um eine primär psychische Verursachung der Transsexualität auszuschließen. Es ist deutlich geworden, dass Transsexualität eine besondere Form von Intersexualität darstellt. Als intersexuell bezeichnet man Menschen, die mit sowohl männlichen als auch weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt gekommen sind. Beim Phänomen "Transsexualität" scheint dies in besonderer Weise zuzutreffen (Haupt, 2016).
Eine Mehrheit der Wissenschaft sieht dies mittlerweile mehrheitlich ebenso. Oder um es in den Worten unserer Bundeskanzlerin zu sagen: "Es ist alternativlos!"
In der internationalen statistischen Klassifikation für Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) wird Transsexualität derzeit noch immer als "Störung der Geschlechtsidentität" (F64.0) aufgelistet. Eine Revision des ICD ist derzeit in Arbeit und sieht vor, den Erkenntnissen der Wissenschaft Rechnung zu tragen und Transsexualität aus den "Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen" (F60-F69) zu streichen. 
Dennoch werden transsexuelle Menschen in vielen Ländern (auch in Deutschland) noch immer gezwungen, sich einer Psychotherapie und anderen Maßnahmen zu unterziehen, bevor sie letztendlich ihr Geschlecht leben dürfen. 

Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Es gibt für Deutschland bisher keine gesicherten Daten wie viele Menschen von Transsexualität betroffen sind.  Internationale Studien zur Häufigkeit (Prävalenz) aus den vergangen Jahrzehnten differieren teilweise stark. Die Auswertung diverser internationale Studien (Olsylager/Conway, 2002) und Erhebungen gehen von einer Prävalenz zwischen 0,7 % und 1,5 % der Bevölkerung aus. Für Deutschland würde es bedeuten, dass (bei konservativer Schätzung) etwa 600.000 Menschen davon betroffen sind. Studien von Joan Roughgarden (2004) zeigen, dass das Phänomen nicht nur beim Menschen, sondern ebenso häufig in der Tierwelt auftritt. 

Das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) veröffentlichte ("Reformation für alle", 2017, S. 8), dass auf 430 Geburten in Deutschland ein Mensch kommt, welcher eine spätere Vornamens- und Personenstandsänderung durchführen lässt. In dieser Publikation wird außerdem erwähnt, dass insgesamt 172.000 Verfahren nach dem Transsexuellengesetz durchgeführt wurden.
Die "Zusammenstellung der Geschäftsübersichten der Amtsgerichte" des Bundesamtes für Justiz gibt für den Zeitraum von 1995 bis 2007 insgesamt 8.491 und im Zeitraum von 2008 bis 2015 (siehe: Quellen) eine Zahl von 10.455 Verfahren nach dem Transsexuellengesetz an.

Tritt Transsexualität heute öfter auf?

Betrachtet man die Medienberichte, könnte der Eindruck entstehen, dass Transsexualität heute vermehrt auftritt. Das Phänomen Transsexualität ist keine Modeerscheinung und kein Trend.
Transsexualität gab es zu jeder Zeit und in allen Kulturen. In der Vergangenheit waren betroffene Menschen in Deutschland noch stärker von gesellschaftlichen Stigmatisierungen und Verfolgung betroffen, als heute. In vielen Ländern wird Transsexualität auch heute noch rechtlich verfolgt oder betroffenen Menschen droht die Todesstrafe. Dass heute vermeintlich mehr Menschen sich zu ihrer Transsexualität bekennen liegt in erster Linie in der Öffnung und dem Wertewandel unserer Gesellschaft. 

Die Rechtslage in Deutschland

Transsexuelle Menschen hören heute oft diesen Satz:

"Was jammert ihr denn, es ist doch heute alles OK in Deutschland. Es darf doch jeder so tun wie er will. Es muss jetzt auch mal gut sein, mit Sonderrechten...". 

Dass diese Aussage für jede betroffene Person ein Stich ins Herz ist, ist vielen nicht bewusst, weil sie die aktuelle Rechtslage transsexueller Menschen in Deutschland nicht kennen. Vorab möchte ich klarstellen: Transsexuelle Menschen fordern keine Sonderrechte. Sie fordern nur gleiche Rechte!

Die rechtliche Anerkennung des Geschlechts von transsexuellen Menschen wird in Deutschland in einem eigenen Gesetz geregelt. Es stammt aus dem Jahr 1981 und nennt sich "Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz – TSG)". Bereits mehre Passagen des Transsexuellengesetzes wurden vom Bundesverfassungsgericht (BVerG) als verfassungswidrig erklärt und deren Anwendbarkeit ausgesetzt. So war bis zum Beschluss des BVerG vom 27.05.2008 (1 BvL 10/05) eine "Zwangssterilisation" (dauerhafte Fortpflanzungsunfähigkeit) der betroffenen Personen zur Vornamens- und Personenstandsänderung erforderlich. Auch der Zwang, zur genitalangleichenden Operation hat das Verfassungsgericht erst 2011 als verfassungswidrig erklärt. Das Bundesverfassungsgericht hat den Gesetzgeber bereits mehrfach zur Neuregelung des Transsexuellengesetzes aufgefordert. Jedoch hat sich die Politik bisher noch nicht an eine Revision, Änderung oder Abschaffung des Gesetzes gewagt. Betroffene Menschen in Deutschland werden somit rechtlich noch immer wie in den 1980er Jahren behandelt. 

Transition...
rechtlich und medizinisch

Rechtliches Verfahren

Wie bereits beschrieben, legt das sog. Transsexuellengesetz fest, wie das Verfahren zur rechtlichen Anerkennung des geänderten Personenstands und Vornamens durchgeführt wird. Die Verfahrensdauer beträgt zwischen 3 Monaten und bis zu 2 Jahren. Nachfolgend wird das Verfahren (Abhängig vom Bundesland und Amtsgericht) beschrieben.


1.
Die betroffene Person muss beim zuständigen Amtsgericht einen Antrag auf Änderung des Personenstands und des Vornamens stellen.

2.
Je nach Bundesland und Amtsgericht wird das Gericht die betroffene Person zu Beginn des Verfahrens zu einer Anhörung laden. Manche Gerichte betreiben das Verfahren zunächst nur schriftlich.

3.
Das Gericht wird zwei Sachverständige (meist Psychiater oder Psychologen) bestellen, welche jeweils ein Gutachten über die antragsstellende Person erstellen und dabei "prüfen" sollen, ob sich die Person auf Grund ihrer transsexuellen Prägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben und mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich ihr Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird.

(Anmerkung der Autorin: Bei keinem anderen juristischen Verfahren wie z.B. Strafverfahren ist es üblich zwei psychiatrische Gutachten einzuholen, auch nicht bei einer Anklage wegen Schwerstverbrechen!!!)


4.
Nach Fertigstellung der Gutachten erfolgt i.d.R. ein Termin vor Gericht, bei dem das Gericht darüber befindet, ob die antragstellende Person den Personenstand und Vorname ändern darf.


5.
Derzeit (Stand 07/2017) ist es auch noch erforderlich, dass ein sog. Vertreter des öffentlichen Interesses (z.B. ein Staatsanwalt) der Personenstands- und Vornamensänderung zustimmt.


6.
Entscheidet das Gericht, dem Antrag stattzugeben und hat auch der Vertreter des öffentlichen Interesses keine Einwände, kann eine Änderung der Geburtsurkunde und aller Personalpapiere beantragt werden.


Alle Kosten des Verfahrens (Gutachterkosten, Gerichtskosten, gesamt ~ € 1.500 bis € 3.000) hat die antragstellende Person zu bezahlen. Sofern sie dazu nicht in der Lage ist, kann sie Prozesskostenhilfe beantragen.

medizinisches Verfahren

Für das medizinische "Verfahren" werden i.d.R. die sog. Richtlinien "Grundlagen der Begutachtung und Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität" (letzte Überarbeitung aus dem Mai 2009, siehe: Quellen) herangezogen. Diese Richtlinien definieren folgende Vorgehensweise bzw. Voraussetzungen bevor medizinische Maßnahmen eingeleitet werden:

1.
Transsexuelle Menschen müssen sich einem sog. "Alltagstest" unterziehen. Dies bedeutet, dass sie - noch bevor sie medizinische Maßnahmen wie z.B. Hormonersatztherapie (HRT), Barthaarentfernung etc. erhalten - 12 Monate in der "gewünschten" Geschlechterrolle leben müssen. Viele Betroffene empfinden diesen "Alltagstest" als entwürdigend und als ein "verordnetes lächerlich gemacht werden". Nicht selten ist dieser "Alltagstest" die Ursache für Arbeitsplatzverlust und Diskriminierung im persönlichen Umfeld.

2.
Betroffene Personen haben sich einer (mindestens) 18-monatigen Psychotherapie zu unterziehen. Ein Psychiater oder Psychologe hat zu beurteilen, ob die Voraussetzungen für erste medizinische Maßnahmen gerechtfertigt sind. Je nach Ermessen und Einschätzung des Psychologen wird die betroffene Person an einen Endokrinologen überwiesen.

3.
Wurde vom Therapeuten das "OK" (Indikation) gegeben, startet die betroffene Person eine Hormonersatztherapie (hormon replacement therapie, HRT) durch die Gabe sog. "gegengeschlechtlicher" Hormone. Transsexuelle Frauen erhalten i.d.R. Estradiol (Tabletten, Gel) und ggf. testosteronblockierende Medikamente (z.B. Androcur, CPA), transsexuelle Männer bekommen Testosteron (Gel, Injektion) zur Einleitung der sog. Transition.

4.
Nach Abschluss der (i.d.R. 18-monatigen) Psychotherapie und nach Erstellung einer entsprechenden Indikation durch den Psychiater bzw. Therapeuten kann eine transsexuelle Person operative, geschlechtsangleichende Maßnahmen beantragen. 

Nach dem Coming-Out - wie geht es medizinisch weiter?

Bis einer transsexuelle Person medizinische Maßnahmen (z.B. Hormonersatztherapie, Bartepilation, genitalanpassende Operation etc.) zugestanden werden, muss diese eine langwierige und teilweise sehr entwürdigende Prozedur über sich ergehen lassen und mit den Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) viele zermürbende "Kämpfe" ausfechten.
Noch immer wird von den Krankenkassen eine Zwangspsychotherapie von i.d.R. mind. 18 Monaten (siehe: Quellen, Behandlungsrichtlinien) verlangt, bevor operative Maßnahmen genehmigt werden. Die Wartezeiten für einen Therapieplatz betragen oft mehrere Monate oder gar Jahre. Viele der "Therapeuten" (welche diese angeordnete Psychotherapie durchführen) verlangen von ihren Patientinnen und Patienten noch immer einen sog. "Alltagstest". Dies bedeutet, dass eine betroffene Person zunächst 12 Monate im Alltag die "gewünschte Geschlechterrolle leben" muss. Dieser "Alltagstest" wird von vielen betroffenen Menschen als entwürdigend, demütigend und sehr belastend empfunden. Verständlicherweise, denn man wird z. B. als transsexuelle Frau mit einem "männlichen Körper" (also mit Bart und Körperbehaarung) dazu gezwungen, weibliche Kleidung zu tragen. Dabei legen viele der Therapeuten Wert auf die Erfüllung sämtlicher Stereotype bzgl. Frauen. So wird von transsexuellen Frauen oft verlangt, sich besonders weiblich zu kleiden und zu schminken. Es ist verständlich, dass viele Menschen dann den Eindruck haben, dass transsexuelle Frauen doch "nur durchgeknallte Kerle in Weiberklamotten" sind. Oft sind die Folgen: Verlust des Arbeitsplatzes, Ausgrenzung, Diskriminierung und auch körperliche Gewalt (siehe: Quellen, FRA). Es liegt im Ermessen des Therapeuten, wann er/sie sein "OK" dazu gibt, der transsexuellen Person erste medizinische Maßnahmen zu gewähren. Erst dann kann die betroffene Person mit der Einnahme von Hormonen (bei transsexuellen Frauen i.d.R. Estradiol, bei transsexuellen Männern Testosteron) beginnen - sofern ein Termin bei einem entsprechenden Facharzt auch zur Verfügung steht. Um operative Maßnahmen durchführen zu können werden von den Krankenkassen und dem MDK oft weitere Gutachten und Stellungnahmen von Psychiatern/Psychologen eingefordert. Nicht selten dauert die Transition (vom Coming-Out bis zum Abschluss der angleichenden Maßnahmen) viele Jahre. Eine Zeit, die für viele transsexuelle Menschen eine große Belastung darstellt - viele scheitern daran: 

Diskriminierung - Einige Fakten

35 % der betroffenen Personen leiden unter starken Depressionen*
50,5 % gaben an, einen Suizid schon ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben
33 % der betroffenen Personen haben bereits schon einen Selbstmordversuch unternommen
15,8 % leiden unter Essstörungen (extremes Übergewicht und Magersucht)
58,7 % der betroffen Personen wurden bereits mehrfach verbal öffentlich angegriffen
27,1 % wurden körperlich angegriffen (z. B. grundlos angerempelt, weggeschoben, umgestoßen)
12,4 % wurden niedergeschlagen, getreten oder mit Waffen angegriffen
55,2 % der betroffen Schüler/Studenten wurden/werden in sozialen Medien gemobbt
80 % der Schüler/Studenten gaben an, Angst in der Schule/Hochschule zu haben

Quellen: Olson, J./Schranger, S./Belzer, M./Simons, L./Clark, L., 21.07.2015, Baseline Physiologic and Psychosocial Characteristics of Transgender Youth Seeking Care for Gender Dysphoria ,Journal of Adolescent Health (n=101, A=12-24 Jahre) - Diemer, W./Grant, J./Munn-Chernoff, M./Patterson, D./Duncan, A., 28.04.2015, Gender Identity, Sexual Orientation, and
Eating-Related Pathology in a National Sample of College Students, Journal of Adolescent Health (n=289.024) - Kosciw, J./Greytak, E./Bartkiewicz, M./Boesen, M./Palmer, N., 2012, The 2011 National School Climate Survey, GLSEN, New York (n=8.584, A=13-20 Jahre) 


* Transsexualität ist nicht der Grund für Depressionen. Der gesellschaftliche Umgang mit der Thematik, die erfahrene Diskriminierung Betroffener und die Psychopathologisierung von Transsexualität ist als Ursache für Depressionen verantwortlich (Seikowski, 2016).

Warum brauchen transsexuelle Menschen medizinische Unterstützung?

Wie bereits erwähnt, ist Transsexualität keine Krankheit. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung, wie hat "Mann" und "Frau" zu sein und die Folgen, wenn ein Mensch diesen Erwartungshaltungen nicht entspricht (Ausgrenzung, Diskriminierung, körperliche und psychische Gewalt), sorgen im Wesentlichen dafür, dass Transsexualität einen (medizinischen) Leidensdruck bei Betroffenen auslöst. Deshalb ist es notwendig, dass betroffene Personen medizinische Unterstützung zur Anpassung ihres Körpers (wie bereits erwähnt ist der "Austausch" des Gehirns noch nicht möglich) an das eigene Geschlechtsempfinden erhalten. Die moderne Medizin ermöglicht es, betroffenen Menschen eine Hilfestellung bei dieser körperlichen Anpassung zu geben. Das Argument, dass medizinische Unterstützung nur für Krankheit zu gewähren sei, kann mit einem einfachen Gegenbeispiel entkräftet werden: Bei Schwangerschaft wird ebenfall medizinische Unterstützung gewährt, aber kein Mensch käme auf die Idee, eine schwangere Frau als krank zu bezeichnen.

Transsexualität und Beruf

Eine Erhebung unter 330 Führungskräften mit Personalverantwortung (Balk, 2015) zeigt, dass transsexuelle Menschen häufig auf Ablehnung bei der Jobsuche und im Berufsleben stoßen. Besonders schwer haben es Betroffene bei Finanzdienstleistern (FDL) wie Banken, Sparkassen und Versicherungen. 

Folgen eine Coming-Outs bei bestehendem Beschäftigungsverhältnis

Es besteht dringender Reformbedarf

Das Verfahren - sowohl das rechtliche, als auch das medizinische - wird von vielen betroffenen Personen als entwürdigend, diskriminierend und meist sehr belastend empfunden. Die Bundesregierung hat mehrere juristische Gutachten zur Änderung des Transsexuellengesetzes (TSG) in Auftrag gegeben, die eindeutig eine Neuregelung empfehlen. Seit Jahren tritt der Gesetzgeber jedoch auf der Stelle. Einige Vereinigungen und Verbände versuchen seit Jahrzehnten eine Verbesserung der Situation transsexueller Menschen auch in Bezug auf die medizinische Versorgung zu erreichen. Es passiert: NICHTS!!! In der sog. Stuttgarter Erklärung werden die Forderungen nach einer menschenrechtskonformen Behandlung von trans- und intersexuellen Menschen aufgeführt. Die Autorin unterstützt diese Forderungen und gehört selbst zu den Unterzeichnerinnen der Stuttgarter Erklärung.

Bedenkt man, dass weniger als 1 % der Verfahren nach dem TSG durch die Gerichte negativ entschieden wurden (also einer Vornamens- und Personenstandsänderung widersprochen wurde) und weniger als 1 % der Personen, welche ein Verfahren nach dem Transsexuellengesetz erfolgreich durchgeführt haben, ein Rückabwicklung des Verfahrens beantragt haben (Meyenburg et al., 2015), wird die "Sinnhaftigkeit" des Verfahrens - auch bei Kindern und Jugendlichen (Korte et al., 2016) - auch aus Kostengründen und die mit den Verfahren einhergehende Belastung der Gerichte an sich in Frage gestellt. 

Stuttgarter Erklärung

Menschenrechtskonforme Behandlung von trans- und intersexuellen Menschen

Wie kann ich zu mehr Akzeptanz von transsexuellen Menschen beitragen?

Petition untrerzeichnen

Derzeit läuft eine Online-Petition zur Einführung eines Selbtsbestimmungsgestzes (als Ersatz für das veraltete Transsexuellengesetz). Durch Unterzeichnung der Petition können Sie beitragen, dass transsexuelle Menschen politisch mehr Gehör finden.

Zur Petition...

Vorurteile abbauen

Es ist verständlich, dass für Menschen, die mit ihrem Geschlecht selbst im Reinen sind, das Phänomen Transsexualität kaum nachvollziehbar und schwer zu verstehen ist. Medial werden transsexuelle Menschen oft in die "Schmuddel-Ecke" gestellt, mit Sexarbeit in Verbindung gebracht oder als "Paradiesvögel" gezeigt. Dies entspricht in keinster Weise der Lebensrealität betroffener Menschen. Transsexuelle Menschen wollen ein ganz "normales Leben" führen, keine Sonderrechte und nicht als etwas Besonderes gesehen werden. Helfen Sie mit, diese weit verbreiteten Vorurteile über transsexuelle Menschen abzubauen. 

Swaab, Castellanos-Cruz, Bao, "The Human Brain and Gender: Sexual Differentiation of Our Brains*", aus Schreiber, Gerhard,  2016, Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaft - Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven, S. 23-41, De Gruyter, Berlin/Boston

Zhou, Hofmann, Swaab, 1995, "A Sex Difference in the Human Brain and its Relation to Transsexuality", NATURE, 378, S. 68-70

Fisher et al., 2016, "Gender identity, gender assignment and reassignment in individuals with disorders of sex development: a major of dilemma",  Italian Society of Endocrinology , Springer

Roughgarden, Joan, 2004, "Evolution's Rainbow - Diversity, Gender and Sexuality in Nature and People", University Press Group Ltd; Auflage: 10 Anv (14. September 2013)

Rauchfleisch, Udo, 2014, "Transsexualität - Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie.", Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen), 4. völlig überarbeitete Auflage

Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten  und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, www.icd-code.de

Haupt, 2016, "Neurointersexuelle Körperdiskrepanz",  aus Schreiber, Gerhard, 2016, Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaft - Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven, S. 75-119, De Gruyter, Berlin/Boston

Schreiber, Gerhard, 2016, "Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaft - Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven", De Gruyter, Berlin/Boston

Van Trotsenburg, Michael (2002), Transsexualität, SPECULUM, 8-22 (www.kup.at)

Conway, Lynn (2002), http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TS/TSprevalence.html

Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz – TSG), http://www.gesetze-im-internet.de/tsg/

Richtlinen "Grundlagen der Begutachtung und Begutachtungsanleitung Geschlechtsangleichende Maßnahmen bei Transsexualität" (Mai 2009), https://www.mds-ev.de/fileadmin/dokumente/Publikationen/GKV/Begutachtungsgrundlagen_GKV/07_RL_Transsex_2009.pdf

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2017, "Reformation für alle",  S. 8, https://www.bmfsfj.de/blob/114152/befae36ba9e306d97c839eeddd3c55ff/reformation-fuer-alle---transidentitaet---transsexualitaet-und-kirche-data.pdf

Geschäftsbelastung der Amtsgerichte in der freiwilligen Gerichtsbarkeit, TSG- Verfahren, vgl. https://www.bundesjustizamt.de/DE/SharedDocs/Publikationen/Justizstatistik/Geschaeftsentwicklung_Amtsgerichte.pdf?__blob=publicationFile&v=9

Meyenburg, B., Renter-Schmidt, K., SchmidtG., 2015, "Begutachtung nach dem Transsexuellengesetz - Auswertung von Gutachten dreier Sachverständiger 2005-2014“, aus: Zeitschrift für Sexualforschung, Bd. 28, 2015, S. 107-120, Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart

Korte, A., Schmidt, H., Bosinski, H. A. G., Mersmann, M., Beier, K. M., 2016, "Zur Debatte über das TSG: Abschaffung der Begutachtung zur Vornamensänderung auf bei Minderjährigen mit Dignose Geschlechtsidentitätsstörung?", aus: Zeitschrift für Sexualforschung, Bd. 29, 2016, S. 48-56, Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart

Council of Europe, 2015, "Protecting Human Rights of Transgender Persons - a short gueid to legal gender recognition"

FRA European Union Agency For Fundamental Rights, 2014,  "LGBT-Erhebung in der EU - Erhebung unter Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender-Personen in der Europäischen Union, Ergebnisse auf einen Blick", Wien

Olson, J./Schranger, S./Belzer, M./Simons, L./Clark, L., 21.07.2015, Baseline Physiologic and Psychosocial Characteristics of Transgender Youth Seeking Care for Gender Dysphoria ,Journal of Adolescent Health (n=101, A=12-24 Jahre)

Diemer, W./Grant, J./Munn-Chernoff, M./Patterson, D./Duncan, A., 28.04.2015, Gender Identity, Sexual Orientation, and

Eating-Related Pathology in a National Sample of College Students, Journal of Adolescent Health (n=289.024)

Kosciw, J./Greytak, E./Bartkiewicz, M./Boesen, M./Palmer, N., 2012, The 2011 National School Climate Survey,  GLSEN, New York (n=8.584, A=13-20 Jahre)

Seikowski, K., 2016, "Die Problematik der Psychopathologisierung von Transsexualität", aus Schreiber, Gerhard, 2016, Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaft - Ergebnisse, Kontroversen, Perspektiven, S. 296-309, De Gruyter, Berlin/Boston


Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.
http://www.dgti.org


Trans-Kinder-Netz e.V. - Elterninitiative für transsexuelle Kinder
http://www.trans-kinder-netz.de


trans-evicence - Transsexualität-Evidenzbasierung-Ethik

http://www.trans-evidence.com


Stuttgarter Erklärung - Geschlecht.Selbst.Bestimmt.
http://die-erklaerung.de


Lena Balk - Masterarbeit Wirtschafts- und Organisationspsychologie (2015)
http://www.lenabalk.de





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George Eliot